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Zwoa zuagroaste Weiber

Oder: noch eine Agnes in Straubing

„Grüß dich Agnes, weißt du eigentlich, dass du heute noch sterben wirst?“, scherzte Jan, während er durch das untere Tor auf die drei Freunde und die einzige Frau in ihrer Mitte zuhielt. Er erinnerte damit an das Sterbedatum der Agnes Bernauer, den 12. Oktober, der sich an diesem Tag zum 580. Mal jährte.

„Über so etwas macht man doch keine Witze“, zischte Agnes. Doch ihr Gesicht verriet, dass sie Jan nicht böse sein konnte, besonders nachdem er seinen Arm um sie gelegt und sie an sich gedrückt hatte.
Die Freunde hatten sich in Straubing getroffen, weil Albrecht, der Ehemann von Agnes, hier einen Termin des Hauptsponsors seines Radrennstalles wahrnehmen musste.
Seit Jahren fuhr Albrecht gemeinsam mit seinem besten Freund Jan, dem etwas schüchternen Kaspar und dem jungen Wilhelm in einem Team. Albrecht gehörte inzwischen zu den Besten seines Metiers und verdiente allein mit Werbung ein Vermögen.

Um mehr über Agnes Bernauer und die Stadt Straubing herauszufinden, hatten sich die fünf am Ludwigsplatz direkt vor dem Bayerischen Löwen verabredet. Sie blickten nun gemeinsam in Richtung Stadtturm, der mit 68 Metern Höhe das Wahrzeichen von Straubing war.
Passend zum Anlass hatte Agnes auf einer sündhaft teuren Tracht bestanden. Ihr Dirndl war aus echter Seide und hatte Albrecht ein kleines Vermögen gekostet. Agnes sah darin umwerfend aus. Allerdings achtete eigentlich jeder mehr auf ihr Dekolleté, das eine silberne Kette mit einem Herz als Anhänger zierte. Dieses lag nun schwer auf ihrem Busen, die blonden Haare hatte sie zu einer frechen Flechtfrisur aufgesteckt.
„Hast du alles dabei?“, fragte Albrecht statt einer Begrüßung und sah über das Geplänkel hinweg, das sich zwischen seiner Frau und seinem Freund abspielte.
„Ja, hab ich“, Jan drehte sich zur Seite und präsentierte die große Schultertasche.
Neugierig folgte Agnes seinem Blick und wollte schließlich wissen: „Was schleppst du denn da mit dir herum?“.
„Das wird die Überraschung deines Lebens“, entgegnete Jan und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Warte einfach ab.“
„Dann schauen wir doch gleich mal hinüber zum Jakobsbrunnen, der dem Schutzpatron der Stadt gewidmet ist“, begann Jan im Ton eines Stadtführers, der es gewohnt war, täglich Gruppen zum Staunen zu bringen.

„Hey, du hast ja wirklich an alles gedacht“, lobte ihn sein Freund Kaspar, der die Haare wie fast immer mit einem Gummiband am Hinterkopf zusammengezurrt hatte. An diesem Tag trug auch er eine Lederhose, ein kariertes Hemd und Haferlschuhe.
„Ihr wolltet eine Stadtführung und ihr bekommt sie“, sagte Jan grinsend und blickte zu Albrecht. Der war ungewöhnlich still. „Beginnen wir doch mal mit Agnes Bernauer: Sie war eine junge Frau, die es im Mittelalter in Straubing und weit darüber hinaus zu trauriger Berühmtheit gebracht hat. Nach einer heftigen und für die damalige Zeit weder schicklichen noch standesgemäßen Affäre – und vermutlich sogar einer heimlich vollzogenen Hochzeit – mit Herzog Albrecht von Bayern war sie für die Staatsraison bald schon nicht mehr tragbar. Herzog Ernst, Schwiegervater und Staatsfürst, beschloss, dem Ganzen ein Ende zu setzen und stellte Agnes vor die Wahl: Entweder sie ginge freiwillig, oder …“
„Ja, das kennen wir doch schon“, mischte sich Wilhelm ein. „Agnes hielt sich für schlauer, dachte, ihre Liebe zu Albrecht würde sie schützen, und musste zu spät erkennen, dass dieser nur wenig für sie tun konnte.“
„Sehr richtig. Hast du etwa auch im Stadtführer gelesen?“, stichelte Jan und zwinkerte Wilhelm zu, bevor er das Wort wieder an sich riss. „Am 12. Oktober 1435 wurde ihr ein Scheinprozess gemacht, der sie zum Tode durch Ertränken in der Donau verurteilte.“
Ist diese Namensgleichheit nicht ein lustiger Zufall, hatte Agnes vor ein paar Tagen ihren Mann Albrecht gefragt, nachdem festgestanden hatte, dass sie nach Straubing fahren würden.
„Schon“, hatte er knapp geantwortet. Albrecht wusste, worauf sie anspielte. Auch er dachte an jene Zeit, als er sich in Augsburg bei einem Radrennen einen Muskelriss zugezogen und man ihn dort zu einem Orthopäden gebracht hatte. Just in Augsburg, das der Geburtsort der Agnes Bernauer gewesen sein soll, hatte er seine Agnes kennengelernt. Sie war bei dem Arzt als Helferin tätig. Vier Termine hatte er gebraucht,
bis er wieder fit war, der fünfte galt Agnes, in die er inzwischen heillos verliebt war. Drei Monate später heiratete er sie. Das war jetzt schon mehr als fünf Jahre her. Inzwischen führte Agnes nicht nur Albrecht, sondern auch seine Teamkollegen und selbst seinen Trainer mit den Waffen einer Frau.

Sie fanden es lustig, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen dem Rennsportler Albrecht mit seiner Agnes und dem Herzog mit seiner Bernauerin gab, und so waren sie mit Begeisterung nach Straubing aufgebrochen.
„Diese Hausfassaden sind einfach eine Wucht!“, schwärmte Wilhelm gerade und lenkte die Aufmerksamkeit auf einen der hohen Giebel, die das Stadtbild prägten. Agnes ließ von Jan ab und folgte Wilhelm.
Davon beflügelt, dass er nun Agnes‘ Aufmerksamkeit genoss, fuhr Wilhelm fort: „Vor genau 700 Jahren entstand der markante Stadtturm, der anfangs nur drei Stockwerke hoch war. Je höher die Häuser und Kirchen wurden, desto mehr musste der Turm aufgestockt werden“.

„Hat da oben am Ende sogar jemand gewohnt?“ Agnes hielt sich die Hand vor die Augen und blickte hinauf.
„Ja, der Türmer. Der hatte wirklich einen Knochenjob. Der Mann war Tag und Nacht im Einsatz: Er musste nach Feuer Ausschau halten, melden, wenn sich mehr als drei Wanderer der Stadt näherten oder wenn ein Schiff auf der Donau daherkam“, fasste Wilhelm die mittelalterliche Stellenbeschreibung aus dem Internet zusammen.
„Zumindest war er noch nicht auf seinem Posten, als Agnes in der Donau ertränkt wurde“, warf Kaspar ein. Er lachte bitter auf. „Stellt euch mal vor, das ginge heute auch noch so: Was, die willst du heiraten? Kommt nicht in Frage, die wird ertränkt.“
„Na ja, einfach so wurde sie ja nicht ertränkt. Sie hätte ja gehen können, aber sie wollte halt zu viel, angesichts ihres Standes“, fuhr Albrecht dazwischen.
Jan lachte amüsiert. „Aber immerhin muss diese Agnes ein Prachtweib gewesen sein, sonst hätte sich der Herzog doch nicht so für sie eingesetzt, oder?“ Er zwinkerte Agnes zu. „So wie unsere Agnes, die ist doch auch ein Prachtweib!“
Agnes trat nah an Jan heran und raunte ihm zu: „Davon kannst du ausgehen.“
Jans Blick fiel in ihr Dekolleté. „Diese Bernauerin hat es ihrem Albrecht wahrscheinlich so richtig schön besorgt.
Ohne Tabus, nicht wahr, Agnes?“
Die Angesprochene beugte sich noch näher zu Jan und öffnete leicht ihren Mund, wie um ihn vor allen Leuten zu küssen. „Ja, das tut sie!“, hauchte sie. Aber kurz bevor sich ihre Lippen trafen, fuhr sie ihm mit der Zungenspitze über das Gesicht.
„Oh Agnes, wie soll ich nach so einem Angebot bloß heute Nacht einschlafen“, flehte Jan und zog sie an sich. „Spürst du, wie ich mich nach dir sehne?“
„Ist das jetzt noch immer der Ludwigsplatz?“, fragte Albrecht dazwischen und setzte so dem Spiel ein Ende. Jan lachte und ließ von Agnes ab. Stattdessen schloss er zu Albrecht auf, der ihm ins Ohr zischte: „Du musst es ja nicht gleich vor allen Leuten mit ihr treiben.“

„Tut mir leid!“ Jan hob abwehrend die Hände und wandte sich dann zu den anderen um. „Hier sehen wir die Dreifaltigkeitssäule. „ Er zog ein Blatt Papier aus seiner Hosentasche und warf einen schnellen Blick darauf. „Sie wurde 1709 als Einlösung eines Versprechens im Zusammenhang mit dem Spanischen Erbfolgekrieg errichtet.“
„Ich hab Hunger!“, verkündete Agnes auf einmal. „Hat Straubing auch ein besonderes Lokal mit gutem Essen zu bieten?

„Sie sah sich nach den Jungs um, die sich bereits lachend vor dem Wirtshaus Zum Geiss aufgestellt hatten.
„Wir sind schon da“, rief Jan. „Dieses Wirtshaus wird zum ersten Mal 1462 erwähnt, und am Beispiel seines Stufengiebels kann man sich sehr schön vorstellen, wie der gesamte Stadtplatz früher einmal ausgesehen haben muss.“
Sie traten ein. Bei diesen Deckenbalken, den getäfelten Wänden und dem Steinfußboden fühlten sie sich wie im Mittelalter.
„Ach, ist das schön. Hoffentlich können sie auch so gut kochen“, seufzte Agnes vor Entzücken.
Schnell einigten sie sich auf Kalbstafelspitz mit Petersilien-Pesto, Salzkartoffeln und ein Helles und bestellten. „Kalbstafelspitz, so zart wie das Fleisch der Agnes Bernauer“, meinte Jan.
Er legte seine Hand auf Agnes’ Oberschenkel, bereit, sich auf den Weg unter ihren Rock zu machen. Kokett ließ sie ihn gewähren.
„Und es gibt hier wirklich einen doppelstöckigen Dachboden?“, fragte Agnes.
„Dort hat sich sogar schon einmal jemand erhängt“, flüsterte Jan theatralisch.
„Oh! Können wir uns das anschauen?“ Dabei stöhnte sie leise und deutete ein schauriges Frösteln an, bis Jan den Arm um sie legte.
Nach dem Essen zog sie aufreizend ihre Lippen nach, stand auf und sah Jan herausfordernd an. „Zeigst du mir jetzt den Dachboden?“
Sie lief zur Treppe und sofort folgten ihr alle wie ein Drohnenschwarm
ihrer Königin. Als Agnes im ersten Stock angekommen war, blieb sie ratlos stehen. „Wo geht’s denn weiter?“
Jan löste sich aus der Gruppe: „Na, hier entlang!“ Wie selbstverständlich nahm er Agnes an der Hand. In einer Ecke gab es eine steile Treppe, die Agnes ohne zu zögern hinaufstieg. Jan folgte ihr.

„Wow“, war das Erste, was die Jungs am Fuße der Treppe zu hören bekamen. Agnes war voller Begeisterung um das wackelige Treppengeländer herum in den Dachboden hineingelaufen.
„Der Dachboden ist eine Wucht!“, rief sie und sprang schon in Richtung Holztreppe. „Hier geht es tatsächlich noch höher.“ Kaum kletterte sie ein Stück die Leiter hinauf, schon schien ihre Stimme wie aus weiter Ferne zu kommen.
Oben angelangt, drehte sie sich um und blickte auf ihren Mann und die Kollegen hinunter. „Na, worauf wartet ihr noch? Kommt schon! Ich hab eine tolle Idee. Lasst uns die Begegnung zwischen Agnes und dem Herzog nachspielen.
Jan, du bist der Herzog“, bestimmte sie und blickte den Erwählten sehnsüchtig an.
„Oh Agnes, du Schöne, wie wird mir so seltsam!“, hauchte Jan in ihr Ohr und zog sie an sich.
„Mein Herzog, wie kann ich es wagen, Euch auch nur in die Augen zu sehen“, seufzte Agnes. „Ich bin doch nur eine einfache Baderstochter.“ Die drei Freunde hingen an ihren Lippen. Was war sie doch für eine tolle Frau, dachte Albrecht.
Als sie sich in die Arme seines Freundes warf, um ihn leidenschaftlich zu küssen, sah Albrecht schnell weg.
„Oh mein Herzog, wollt Ihr mir ein Kind schenken?“ Agnes raffte ihre Röcke und schlang ein nacktes Bein um die Lenden ihres Auserwählten. Sie legte den Kopf nach hinten, damit Jan ihren Hals und ihren wogenden Busen küssen konnte.
„Oh mein Herzog, jetzt wird auch mir ganz seltsam, lasst mich Eure treue Dienerin sein und dafür sorgen, dass Eure Manneskraft nie versiegt.“ Agnes wand sich aus seinen Armen und ging auf die Knie, wo sie an Jans Hose herumnestelte.
„Seid mein Herr und zeigt mir, wie ich zu einer feinen Dame werde“, erbat sie voller Demut.
Jan schubste sie zur Seite, bis sie auf allen Vieren vor ihm kniete. Er schob ihren Rock über ihren Hintern und gab ihr mit bloßer Hand ein paar Klapse auf den Po. Agnes stöhnte auf. „Oh ja, Ihr seid ein wahrlich starker Herzog.“ Nun ging auch Jan auf die Knie, drängte sich dicht an ihren Po und deutete an, wie er sie nahm.
„Das reicht!“, entschied Albrecht mit fester Stimme.
Schnell sprang Kaspar dazwischen, zog sein Gummiband aus den Haaren und rief mit schriller Stimme: „Du bist ein anmaßendes und arrogantes Weibsstück!“ Er stampfte mit dem Fuß auf. Die anderen lachten, denn seine Darbietung als des Herzogs Schwester Beatrix war einmalig.
Agnes wollte sich gerade beschweren, dass der Herzog sie noch nicht genommen hatte, als dieser sie losließ und davoneilte. Bevor sie aber aufstehen und ihr Kleid richten konnte, holte Albrecht einen Jutesack aus der Tasche, die Jan die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte, und zog ihn Agnes über den Kopf. Protestierend wehrte sie sich.
„Schweig, Weib!“, fuhr sie Wilhelm an. „Du redest nur, wenn du gefragt wirst.“ Dann hob er die Arme und las von einem imaginären Pergament: „Agnes Bernauer, dir wird der Prozess gemacht. Du bist angeklagt, Herzog Albrecht mit Zauberkräften für dich gewonnen zu haben. Du wirst zum Tode durch Ertränken verurteilt!“
„Werft das böse Weib in die Donau!“, schrie er nach kurzer Pause und schaute Kaspar und Albrecht unsicher an. Die beiden packten Agnes und hoben sie hoch, woraufhin sie hysterisch aufschrie.
„Keine Angst, es ist nicht tief“, versicherte Albrecht mit sanfter Stimme.
Sie trugen Agnes zu einem Zuber, der dort wie zufällig stand, und tauchten sie kopfüber in das kalte Wasser. Agnes zappelte mit den Füßen und schlug um sich. Doch die beiden Männer hielten ihren Oberkörper fest, während Jan und Wilhelm ihre Beine packten. Erst als sie sich nicht mehr rührte, legten sie Agnes auf dem Boden ab. Albrecht nahm den Sack
von ihrem Kopf und ordnete beinahe liebevoll ein paar Haarsträhnen.
„Ach Agnes, warum musstest du so gierig sein?“
„Wir waren ein so schönes Team, aber du musstest ja alles
kaputt machen!“, schrie Wilhelm.
„Sie hat es verdient“, erklärte Kaspar mit fester Stimme.
„Wir wären für immer in ihrer Hand gewesen. Sobald wir nicht gespurt hätten, hätte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, unsere Dopingtests veröffentlicht und uns damit ruiniert“, wusste Jan, doch seine Stimme verriet, dass er diese Lösung trotz allem bedauerte.
Einen Moment lang blickten die Freunde schweigend auf die Frau. Dann holten sie den mitgeführten wasserdichten Sack, legten Agnes hinein und gossen das Wasser aus dem Zuber hinzu. Über eine Zwischentür schafften sie den Sack ungesehen ins Hotel Theresientor in ein dort unter falschem
Namen reserviertes Zimmer.
Anschließend gingen sie in die Wirtsstube Zum Geiss zurück und erzählten
der Bedienung, Agnes habe sich die Donaubrücke ansehen wollen, von der ihre Namensvetterin einst gestürzt worden war, und bestellten sich noch ein Bier.
Sie hatten an alles gedacht. Tage später würde man Agnes aus der Donau ziehen und feststellen, dass sie genau zu der Zeit darin ertrunken war, zu der die vier Freunde in der Wirtsstube saßen und mit der Bedienung scherzten. Ihre Lungen waren voller Donauwasser. Jan, Kaspar und Wilhelm hatten es tags zuvor in Kanistern geholt. Letztlich hatte Agnes ihr Todesurteil selbst gesprochen, als sie die Jungs und ihren Manager mit den Dopingtests, die sie zufällig entdeckt hatte, erpresste. Ihren Mann Albrecht hatte sie mit immer neuen Affären vorgeführt und die Jungs um ihre Preisgelder erleichtert. Eine Scheidung wäre für Albrecht viel zu teuer gekommen. So war am Ende nur diese einfache, aber raffinierte Lösung all ihrer Agnes-Probleme geblieben.

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